Merkel: "Wir müssen auf den dritten Weltkrieg vorbereitet sein"



  • Die deutsche Gesamtbefindlichkeit ist Arbeit. Wir können was wegschaffen, was leisten und aufbauen. Dafür bewundert man uns - ich habe die letzten 15 Jahre mit allen Arten von Flüchtlingen gearbeitet. Alle bewundern uns, niemand liebt uns. Wir sind sauber, ordenlich und haben Geld. Unser Mitgefühl mit der Welt hält sich genau in den Grenzen, die wir an Weihnachten durch Spenden - da sind wir gut - abgleichen können. Ansonsten wollen wir unsere Ruhe.

    Wir entsprechen den Kriterien von erwachsenen Alkoholikerkindern: Äußerst leistungsstark aber beziehungsunfähig.

    Die Ausländer sagten zu mir, wenn sie mich näher kannten: Du bist keine Deutsche. Immer wieder und fast alle. Wenn ich es eruieren wollte, fiel es ihnen schwer, es zu begründen. Ich glaube, es war die Empathie. Ich konnte stundenlang mit jemand sitzen, Tee trinken und Geschichten anhören. Es machte mir Spaß, Menschen kennenzulernen. "Die Deutschen haben immer Termine", sagten die meisten Ausländer zu mir.

    Mal so als oberflächliche These.


  • GLOBALER MOD LOKALER MOD

    @Lotte Ob Familiengeschichten oder völkische, nationale... Opfer- und Täter-Geschichten... ALLE Menschen erben DIE GANZE GESCHICHTE, als Wissen um die Vergangenheit (soweit sie bekannt ist). Alle Menschen sind in gleicher Weise aufgefordert, daraus sinnvolle Konsequenzen zu ziehen (und sie emotional auszuhalten).
    ((Wer da draussen, weltweit, kann denn denken, dass der Faschismus (und all die andern unendlichen Grausamkeiten vor seiner Zeit, und auch die ZU seinen Lebzeiten) NICHT zu seiner Vergangenheit, seiner Geschichte gehört?
    Und das gilt selbstverständlich zu den materiellen Resultaten dieser Geschichte.
    Dem, was zu unseren Lebzeiten angerichtet wurde in der Welt, und den Folgen dessen, was davor.
    Wir müssen ans Verstehen und vor allem ans Aufräumen gehen; denn die Welt liegt in Trümmern, und wir sind... die Trümmermenschen, die Aufräumer. Weltweit.
    ((Vielleicht ist es dieses Katastrophenbewusstsein, dass die Bewohner der ehemaligen Haupt-Weltkriegs-Schauplätze in Europa und Asien von andern unterscheidet. Obwohl... Welcher "Ausländer" hat denn keinen Krieg im Nacken? Vielleicht noch zu nahe dran...))



  • Das sind leere Sätze.

    Ich habe auf eine Frage der gemeinsamen Befindlichkeit geantwortet. Außerdem versuche ich mich dem zu nähern, was ich als politische Lethargie bezeichne. Rationales Wissen hat wenig mit emotionaler Verarbeitung zu tun. Die emotionale Erfahrung prägt unser Verhalten und wenn wir die Trümmer beseitigen wollen, müssen wir an die Emotion andocken. Sie ist der Motor für Veränderung oder Stagnation. Das Wissen trägt nur einen kleinen Teil bei, der dann wichtig wird, wenn die Emotion als Basis bereit ist. Unsere Aufgabe ist, dass Wissen zum Begreifen wird.



  • Jetzt käme ich zu einem Unterschied. Die gesamtdeutsche Befindlichkeit über prägende Sekundärtugenden dürfte ziemlich ähnlich gewesen sein von 1945 bis Mitte der 60er. Muffige Spießigkeit, Ordnung, Sauberkeit und Disziplin. Das Schwache ausmerzen und das Perfekte herausbilden - der Faschismus wirkte lange nach auf der emotionalen Ebene.

    Trotz Aufklärung und Schule, trotz antifaschistischem Programm war das Ergebnis 1982, bei meiner letzten Delegation nach Dresden ein desaströses. Die Genossen von der oberen Schulverwaltung diskutierten mit uns Lehrer und Sozialpädagogen, dass sie die Jugendlichen nicht mehr erreichten. "Sie glauben uns nichts. Lehrstellenmangel in der BRD oder auch Antifaschismus, Besuche in KZs - sie glauben es nicht und wollen es nicht hören." Die Genossen waren hilflos.

    Jetzt frage ich die DDRler: Was meint ihr war die Ursache?


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    @Lotte Ich hatte auf deins weiter oben geantwortet, auch auf den Gedanken von Moshe Zuckermann. Das Traurige an den Beiträgen davor (die ich leider übersehen hatte, den mit dem Film, und den mit der Medizin-Historie) ist: Dass irgendwo eingesetzt wird, und DAS soll das Ursprüngliche sein. In der Geschichte gibt es aber solche Ur-Sünden nicht. Man muss nur weiter zurückgehen. " Unsere Aufgabe ist, dass Wissen zum Begreifen wird." Genau daraus resultiert auch die Einsicht in das Übergreifend-Fortbestehende, Unerledigte. Dass der Faschismus (wie soviel andres in der Geschichte) komplett unaufgearbeitet ist, denke ich auch.


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    @Lotte " Das Schwache ausmerzen und das Perfekte herausbilden - der Faschismus wirkte lange nach auf der emotionalen Ebene." Und in deinem Beitrag mit dem Weissen Band-Film hast du doch selbst hingewiesen drauf, dass der Faschismus selber eine Vorgeschichte hatte - dass in IHM wieder was nachwirkte. Was?
    Weder der Film, also die Moment-Aufnahme, die er ist, noch die Emotionen, die er (oder der Gedanke an das Vernichtende der gesamten Weltkriegs-Zeit) auslösen, helfen uns da weiter.
    "Leere Worte". Nebenbei. Die Emotionen der Andern (Welt in Trümmern, Vernichtung, Trümmermenschen) interessieren wohl nicht so. Empathie hat ihre Zeiten und Anlässe, und Nichtempathie offenbar auch...



  • Jetzt lass es gut sein - ich spreche von den realen Erfahrungen innerhalb 2 oder 3 Generationen, die manifest in der Biographie verankert sind und ebenso manifest weitergegeben werden. Selbst da gibt es noch die gesamtgesellschaftlichen und die innerhalb dieser gesamtgesellschaftlichen die individuellen Erfahrungen. Das prägt massiv - und Papua Neuguinea ist eben weiter weg, die Ottonen ebenfalls.

    du verzettelst und verhedderst dich im Versuch, das Ganze auf das Konkrete anzuwenden und dein Beitrag wird dadurch sinnlos. Natürlich hat alles und jedes seine Umgebung und Vorgeschichte. Und jetzt? Das hilft nicht weiter, wenn in den 50ern Kinder von Faschisten und Anhängern ihre körperlichen Handicaps nicht zeigen durften. Eines durfte z.B. keine Brille bekommen und das können wir nun auch mit den alten Griechen verbinden, aber das hier ist kein Geschichtswerk. Der Film ist auch keine Momentaufnahme sondern eine eher sehr genaue Darstellung zeitgenössischer Erziehung. Wir können für unsere Generation etwas ableiten. Alles unter dem Aspekt: Was ist unsere Befindlichkeit heute im Spiegel einer 100 jährigen Geschichte.



  • So, nach dem Zwischenspiel also nochmal der Unterschied. Während in der BRD noch kein geordneter Antifaschismus entstanden war und das in der Hand engagierter EInzelindividuen war, bestand in der DDR ein Lehrplan, der sich ausführlich und gut mit dem Thema auseinandersetzte, Besuche in KZs waren verpflichtend.

    Jetzt käme ich zu einem Unterschied. Die gesamtdeutsche Befindlichkeit über prägende Sekundärtugenden dürfte ziemlich ähnlich gewesen sein von 1945 bis Mitte der 60er. Muffige Spießigkeit, Ordnung, Sauberkeit und Disziplin. Das Schwache ausmerzen und das Perfekte herausbilden - der Faschismus wirkte lange nach auf der emotionalen Ebene.

    Trotz Aufklärung und Schule, trotz antifaschistischem Programm war das Ergebnis 1982, bei meiner letzten Delegation nach Dresden ein desaströses. Die Genossen von der oberen Schulverwaltung diskutierten mit uns Lehrer und Sozialpädagogen, dass sie die Jugendlichen nicht mehr erreichten. "Sie glauben uns nichts. Lehrstellenmangel in der BRD oder auch Antifaschismus, Besuche in KZs - sie glauben es nicht und wollen es nicht hören." Die Genossen waren hilflos.

    Jetzt frage ich die DDRler: Was meint ihr war die Ursache?


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    @Lotte Die Geschichte ist eben gegenwärtig; es ist nicht gut, hier gleich polemisch mit Ottonen und Griechen zu kommen. "Preussen" und "Protestantismus" (die Pietisten-Gesichter im Film) wären da als Stichworte fällig, ebenso Modernisierung - wahnwitzig schnell absolvierte. Die lange, lange Vorgeschichte des spezifisch deutschen Antisemitismus. (So wie überraschenderweise der christliche Zionismus der viel ältere ist, und bis ins 18.Jahrundert zurückreicht...) Die Unterströmungen des deutschen Konservativismus, die Ressentiments, die sich mit ihm verbanden... Das kollektive Gefühl der Zurückgebliebenheit... Wie wird das alles individuell verarbeitet, wie aufgezwungen aber auch genutzt, missbraucht, bearbeitet?
    Wer will, kann Parallelen zu muslimischen Ländern entdecken... die Rolle evangelikaler Bewegungen in verspätet sich modernisierenden Regionen/Schichten der USA...



  • Da kommt er schon wieder. 🙂

    Das ist dein Dilemma, Hans Christoph, dass du soweit in die Theorie gehst, in die GEschichte, dass du zwar alles differenziert abdeckst und in seiner Vielschichtigkeit beleuchten kannst - und das wäre für mich eine ausgesucht interessante Wissensvermittlung - aber das war nicht mein Thema. Dieses von dir angebotene Wissen erklärt nicht meine Frage.
    Wir können gern noch einen THread aufmachen - ernsthaft - wenn du dazu Wissen vermitteln willst und Fragen beantwortest. Wir können uns von unterschiedlichen Seiten dem Thema nähern - global oder speziell. Aber es sind nicht die identischen Fragestellungen.


  • GLOBALER MOD LOKALER MOD

    @Lotte Verzeihung, welches war DEINE Frage? Die Texte sind hier nicht Beiträgen zugeordnet, das muss vielleicht konsequenter geschehen, denn zur DDR-Frage habe ich in der Tat nichts beigesteuert, wohl aber zum Übergreifenden (unter das die DDR-Entwicklung dann auch fällt).
    Es ist die mittlerweile uralte Rousseau-Zweifelsfrage, obüberhaupt die Zivilisations- eine Fortschrittsgeschichte war. Auch so eine Unterströmung der Aufklärung, ein Zweifel, bei dem man den Sündenfall immer weiter nahc rückwärts verschiebt (und damit die regressiven Tröstungen).
    Hinter der Vor-Weltkriegs-Barbarei und ihrer Nach-Weltkriegs-Fortsetzung in beiden "Systemen" scheint die MODERNISIERUNG auf... dahinter mancherlei, was sie in der Tat mit den Epochen davor verbindet, aber nicht allen ("Gläubigkeit"?), und was Freunde (und Kenner) der Antike versucht haben dingfest zu machen (Heidegger und Nietzsche, Hegel und Hölderlin beispielsweise, oder Foucault...und natürlich unendlich viel andre, auch historisch: ein Renaissance-thema, das im aufkommenden Protestantismus und den frühneuzeitlichen Kriegen erstickt wurde...); man könnte das Patriarchat oder die Klassengesllschaft nennen, das "Unbehagen in der Kultur", uralte Mythen, die Vertreibung aus dem Paradies (und das hat altgriechische Pendants), auch ostasiatisch (Dschuangdse, Taoismus), buddhistisch...
    Man könnte sagen: die Entfremdung (ah, vergessen, junger Marx) durch Kultur, das Leiden an ihr, ihre durchgehende Ambivalenz, ist historisch eins ihrer wichtigsten Motive.
    Eigentlich auch nur so ein vernichtender Trümmerbefund...



  • "ch weiß, Lotte, dass Du mit den Begriffen Ossis und Wessis keine Probleme hast. Wir sind auch irgendwie alle"geschädigt".
    Beschreibe doch bitte mal eine bundesdeutsche Gesamtbefindlichkeit. Liebe Lotte,"

    Das war die Frage und meine Frage dahinter, die mich lange schon beschäftigt und mich so ausführlich antworten lässt, ist, ist der subjektive Fakor und das bezogen auf uns Deutsche. Und später auch auf andere.

    Deine faszinierenden Ausflüge in dein stabil gemauertes Theoriegebäude erklären mir nicht, warum der Deutsche zum Zug stürmen eine Bahnsteigkarte lösen muss und deswegen nie Revolution machen kann. Wenn das so ist, muss ich mir eine andere STrategie ausdenken. Ich muss mich nicht tothampeln und kann Tee trinken. Und dem Weltenlauf zusehen oder an Stammtischen fetzige Diskussionen führen, was ja Spaß macht. Ich kenne genügend hochqualifizierte gealterte Linke, die genau das machen. Öffentlich gegen rechts halten und argumentieren, aber damit hat es sich dann. Die Lemmingsentwicklung ist nicht mehr aufzuhalten, Homo sapiens eine Fehlentwicklung. Das ist ja das, was du mit den Zirkeln als Alternative anbietest. Natürlich nennst du und meinst du es nicht verantwortungslos und beliebig.
    Ich suche aber trotzdem was anderes und bin dem auf der Spur. Da haben deine Einschubschnipsel oben nicht geholfen. Sie sind eher ein Beispiel dafür, dass man das Problem völlig aus den Augen verliert oder verlieren will, in dem man in der Fülle von Informationen versinkt und den Kern des Problems nicht mehr selektieren kann. Wobei der Kern auch eine theoretische Erfassung ist.


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