Atomwaffen in Lahr stationiert?



  • Neue Fragen zu einem alten Thema von einem jungen Historiker: Atomwaffen in der Ortenau stationiert gewesen? ein Ausschnitt aus der Badischen Zeitung.

    Es war eine Zäsur für die Stadt Lahr. 27 Jahre lang waren kanadische Soldaten in der zweitgrößten Stadt der Ortenau stationiert gewesen, sie hatten das Stadtleben mit geprägt. 1994 zogen sie wieder ab.

    Die in Lahr stationierten Nato-Militärs hatten zumindest zeitweise auch eine besonders gefährliche Waffe im Arsenal: Atombomben, die für den Ernstfall rund um die Uhr einsatzbereit gehalten wurden. Angeliefert und gewartet haben die Sprengköpfe die amerikanischen Streitkräfte, ein kleines, rund 20-köpfiges Kommando war deshalb in Lahr stationiert. Die Trägermaschinen für den Abwurf aus der Luft stellte in den Jahren 1962 bis 1964 die französische, zwischen 1969 und 1971 dann die kanadische Luftwaffe.
    "Darüber ist mir nichts bekannt", erklärt OB Müller. Verständlich, er ist 1997 erstmals ins Amt gewählt worden, da lag die offizielle Abschiedszeremonie der kanadischen Streitkräfte schon drei Jahre zurück. Auch Müllers Vorgänger Werner Dietz (CDU) – er amtierte von 1981 bis 1997 – will von Atomwaffen nichts gewusst haben und reagiert ungehalten. "Nein, auf keinen Fall", sagt er und schüttelt heftig den Kopf. Es habe in Lahr keine Atomwaffen gegeben.
    "Es gab Gerüchte, und wir haben es immer vermutet, dass in Lahr Atomwaffen lagerten", sagt Claus Vollmer, scheidender Grünen-Gemeinderat und in den 1980er-Jahren führend in der Lahrer Friedensbewegung aktiv. Die Ortsvereine der Grünen in Lahr und in Lichtenau (nahe Söllingen) haben 1988 sogar vom Forschungsinstitut für Friedenspolitik in Starnberg eine Studie erstellen lassen, in der die militärpolitische Funktion des in Lahr angesiedelten kanadischen Hauptquartiers für Europa untersucht wurde.
    Den Beweis, dass in den kanadischen Standorten Lahr und Söllingen US-Atomwaffen gelagert wurden, konnte die Studie trotz dringender Verdachtsmomente und schlüssiger Vermutungen aber letzten Endes nicht erbringen, weil die offiziellen militärischen Stellen stets dementierten. Dabei waren Lahr und Söllingen "Collocated Operating Bases", also Flugplätze für Verstärkung der US-Luftwaffe im Krisenfall.
    Durch neuere Forschungsarbeiten des jungen Historikers Werner Schönleber aus Meißenheim-Kürzell ist nun der Verdacht bestätigt worden, dass es jahrelang tatsächlich Atomwaffen in Lahr gegeben hat: In der ersten Phase von September 1962 bis Oktober 1964 waren es amerikanische Atomsprengköpfe des Typs MK 28 mit einer Sprengkraft von jeweils 1100 Kilotonnen (KT). Die Bomben sollten von Mirage-Jets der französischen Luftwaffe aufgenommen und im Tiefflug über ausgewählten Zielen abgeworfen werden, im Rahmen der "strike role" der Franzosen innerhalb der Nato, ihrer Aufgabe als Angreifer.

    Als der französische Präsident Charles de Gaulle 1965/66 den Kalten Krieg für beendet und den Austritt Frankreichs aus der Kommandostruktur der Nato erklärte, war die nukleare franko-amerikanische Kooperation in Lahr beendet. Die Hinweise darauf hat Historiker Schönleber in einem Artikel des französisch
    en Militärexperten Aurélien Poilbout in der wissenschaftlichen Zeitschrift Revue Historique des Armées gefunden. Wie sich dann die amerikanisch-kanadische Nuklearpartnerschaft entwickelte, hat dagegen der Atomwaffenspezialist John Clearwater aus Ottawa in einem Buch über das kanadische Waffenarsenal im Kalten Krieg beschrieben. Sowohl Poilbut als auch Clearwater hatten Zugang zu Militärakten, die anderen Historikern oder Publizisten bislang verschlossen blieben. Dabei handelt es sich um Akten aus dem kanadischen Nationalarchiv und dem französischen Militärarchiv in Paris.
    Es wird allseits gemauert", klagt Schönleber. Der 1989 geborene Historiker hat in Freiburg und Frankfurt studiert. Im Rahmen seiner Doktorarbeit befasst er sich mit der kanadischen Militärpolitik in Deutschland und in der Rheinebene. Von der Nato ist nichts Erhellendes zu den Atomwaffen zu bekommen, die Bundeswehr verweist auf die Nato, das kanadische Militär ist kaum zu fassen, das deutsche Außenministerium verweist wiederum auf die kanadische Regierung und die Nato – es braucht wohl noch eine Zeit, bis Schönleber in diesem Versteckspiel alle Antworten auf seine Fragen zusammenhat.
    Sicher scheint, dass die wohl insgesamt 15 Atomsprengkörper – die später durch den Typ MK 57 mit höherer Sprengkraft ersetzt wurden – nie bei Übungsflügen an Düsenjäger gehängt wurden. Bei den Kanadiern waren es die absturzgefährdeten Starfighter. Vier atomar bewaffnete Maschinen (später zwei) wurden aber in einer abgeschotteten Zone auf dem Lahrer Flugplatz rund um die Uhr in Bereitschaft gehalten. Ein "Dual Key Arrangement" regelte, dass kanadische und amerikanische Offiziere gleichzeitig den Einsatzbefehl geben mussten. In der Sicherheitszone durfte sich nie jemand alleine den Maschinen nähern.
    Zur Wartung allerdings wurden die Bomben schon mal mit Transportmaschinen an andere US-Luftwaffenstandorte wie Sembach und Zweibrücken und wieder zurück nach Lahr geflogen. Kampfeinsätze wurden in Frankreich und auf Sardinien mit Attrappen geübt.

    Das Ende der nuklearen Zusammenarbeit in Lahr kam mit dem 1968 gewählten kanadischen Premierminister Pierre Trudeau. Der Vater des heutigen Amtsinhabers Justin Trudeau wollte eine atomwaffenfreie Armee und eigentlich auch die Präsenz in Deutschland beenden. Auch aus finanziellen Gründen. Es soll der damalige Verteidigungsminister Helmut Schmidt (SPD) gewesen sein, der Trudeau senior diese Absicht ausredete.

    Die amerikanischen Atomwaffen wurden im Oktober 1971 an die US-Airbase Sembach in Rheinland-Pfalz zurückverlegt, die Kanadier gaben die "strike role" auf und verlagerten ihre Kampfjets nach Söllingen. Die Gerüchte über Atombomben blieben aber. Auf ihre bohrenden Fragen bekamen die 1980 neu in den Lahrer Gemeinderat gewählten Grünen keine Antworten, ihre Anfragen wurden regelmäßig abgeschmettert, gar als unstatthaft abgewiesen. "Wir wurden als Störenfriede angesehen", schaut Claus Vollmer mit einer gewissen Bitterkeit zurück. Jetzt, da man weiß, dass die Fragen mehr als berechtigt waren, sieht der Lahrer Stadthistoriker Thorsten Mietzner "schon einen neuen dramatischen Akzent" für die Geschichtsschreibung. Lahr war als kanadisches Hauptquartier auf der militärischen Landkarte sowieso kein unwichtiger Ort. Und durch die Atomwaffen vermutlich auch ein vorrangiges Angriffsziel.

    https://www.badische-zeitung.de/lahrs-atomares-geheimnis-in-der-ortenau-gab-es-nuklearwaffen



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  • Gemeinderäte aus der Region äußern sich in dem Sinn, das alles kalter Kaffee und längst bekannt sei. Jeder beschäftigt sich also mit dem Thema und immer wieder. Wie gelingt uns die Sammlung und Verstärkung der Kräfte im Angesicht neuen Wettrüstens? Neben der kleinen Aufstehergruppe gibt es zig Grüppchen in der Region, die das Thema beackern. Gerade wurde ich von 10 früheren Aktiven Friedensbewegten angeschrieben, aktiv zu werden.

    »Offene Geheimnisse« ist ein schönes Wort. Gleichgültigkeit gehört dazu. Wir nehmen alles hin - mangelnde Transparenz und Information, Gerüchteküche als Informationsbasis und wenn es dann jetzt neue Atombomben gibt, so what.
    Ich finde den Artikel gut, das Bohren des Historikers ebenfalls und wenn 2018 fünfzehn Weißhaarige in Büchel demostrierten, wachen vielleicht mehr Leute auf und stoppen die neuen Nuklearwaffen samt Rausschmiß der alten. Die Atombewaffnung im Angesicht des neuen Wettrüstens samt der Strategie, entlang des Rheins Stützpunkte zu installieren, um den WEsten zu retten, damit aber die Preisgabe des Vorderlandes also Deutschlands einzuplanen, sollte doch eine Protestwelle gerade in dieser Region hervorrufen und diese elende Gleichgültigkeit durchbrechen. Gemeinde- und Kreisräte unter Druck setzen, öffentliche Positionierung erzwingen und vor allem die nebeneinander heragierenden Grüppchen zu einer Kraft formieren.

    Und es gibt noch mehr. Februar 2019 titelt der SPIEGEL: Die Bomben von Büchel

    »In der eigentlich so beschaulichen Vulkaneifel wird ein Staatsgeheimnis gehütet. Offiziell gibt die Bundesregierung kein Detail darüber preis. Selbst der Bundestag bekommt keine Informationen, im Weißbuch der Regierung, einer Art Bibel der Sicherheitspolitik, sucht man vergebens nach Hinweisen.
    Dabei ist es ein ziemlich offenes Geheimnis: Hier, auf einem Fliegerhorst der deutschen Luftwaffe im rheinland-pfälzischen 1100-Einwohner-Ort Büchel, zwischen Koblenz und der Grenze zu Belgien und Luxemburg, lagern in unterirdischen Bunkern etwa 20 Atombomben vom Typ B-61, jede mit einer Sprengkraft von etwa 50 Kilotonnen. Zum Vergleich: Die Hiroshima-Atombombe hatte eine Sprengkraft von weniger als 15 Kilotonnen.
    Die Bomben gehören den USA, Überbleibsel des Kalten Krieges, über die sich kaum noch jemand aufgeregt hat.
    Doch nun werden Erinnerungen an dunkle Zeiten wach. Nachdem die USA und in der Folge auch Russland den INF-Vertrag über das Verbot von Mittelstreckenwaffen ("Intermediate Range Nuclear Forces") aufgekündigt haben, droht ein neuer Rüstungswettlauf - und in diesem Zusammenhang auch eine Debatte über die Stationierung neuer Atomwaffen in Europa, und damit womöglich in Deutschland.
    Initiativen zum Abzug scheiterten
    Die US-Waffen in Büchel sind eingebettet in das Konzept der nuklearen Teilhabe, wie es die Militärbürokraten der Nato nennen.«

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/us-atomwaffen-in-deutschland-die-atom-eier-von-buechel-a-1251697.html



  • @Lotte Vor aller inhaltlichen Debatte: Das mit der Stützpunkt-Kette am rhein - das gehört doch wohl der Vergangenheit an? Die Nato vorne-verteidigt "den Westen" heute im Baltikum - was sollen da noch Stützpunkte am Rhein? Ich denke, das ist eine Geschichte aus der Vor-Wende-Zeit... bitte nochmal überprüfen!


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