Erich Muehsam: Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat



  • Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat
    Erich Muehsam, 1933
    https://de.wikisource.org/wiki/Die_Befreiung_der_Gesellschaft_vom_Staat

    Liebe freunde am Aufstehen Stammtisch und ueberall,

    der Staat, auch Teil des parasitaeren politischen Ueberbaus, zu dem auch die PolitikerInnen und JournalistInnen gehoeren, unterstuetzt von den AkademikerInnen, die dafuer gekauft werden wie alle anderen Akteure auch, ist das zentrale Element zur Pluenderung der Vielen. In seinem Kern reduziert er sich auf den Gewaltvollzug.

    Erich Muehsam hat sich in seiner letzten Schrift damit beschaeftigt. Dass er von den National Sozialisten weggeraeumt wird, war auch ihm klar. Auch fuer die Sozial Demokraten waere es notwendig gewesen.

    Heute steht diese Frage wohl nach wie vor auch fuer uns im Mittelpunkt. Demokratische Selbstorganisation der Oekonomie fuer die Stabilitaet der materiellen Lebensgrundlagen fuer Alle oder Objekt der Verwaltung und Zwangsorganisation fuer die private Kapitalakkumulation mit Hilfe der privaten Geld- und Finanzsysteme.

    Damit rueckt auch der "Polit-Kalauer" Sozialstaat in den Vordergrund. Kann ein Staat sozial orientiert sein? Wenn wir Cicero heranziehen, widerspricht es seinem "Gruendungsaufruf". Wenn wir Machiavelli heranziehen, dann widerspricht es seinem Zweck. Wenn wir unsere Geschichte verfolgen, dann wissen wir, dass es nicht geht.

    Die Konsequenz ist, dass wir eine andere Form gesellschaftlicher Organisation brauchen. Und in meinen Augen ist dies auch das Dilemma aller sich "links" oder "sozialistisch" nennenden Bewegungen, weil sie sich immer auf den Staat beziehen und ihn fuer sich ins Zentrum ruecken. Das galt und gilt immer auch fuer die National Sozialisten in allen Regionen unseres Planeten. Und der Faschismus ist nur seine offene Form.

    Der Text ist etwas laenger. Klar, wir koennten auch sagen, der Inhalt liesse sich auf wenige Absaetze oder Seiten verdichten, um das gleiche zu transportieren. Aber Erich Muehsam liebte die ausschweifende Formulierung.

    mit lieben gruessen, willi
    Asuncion, Paraguay

    Hier nun ein kurzer Auszug:
    "Dabei ist es völlig gleichgültig, ob der Staat vom Proletariat erobert wird, um ihn in allmählicher Umgestaltung für sozialistische Lebensbedingungen herzurichten, oder ob man anstelle des durch Revolution zerstörten privatkapitalistischen Staates einen anderen schafft, in dem von vornherein Staatsgewalten die Obliegenheiten des Nutznießers der der eigenen Verfügung und Auswertung entzogenen Arbeitskraft der werktätigen Menschen versehen. Auch das Zugeständnis an die natürliche Einsicht der Sozialisten, die die Unvereinbarkeit von Staat und gesellschaftlicher Gleichheit erkennen, ist wertlos, wonach der mit dem Streben zu sozialistischen Wirtschaftsformen regierte Staat die Eigenschaft habe, mit dem Hinschwinden des Kapitalismus sich selbst überflüssig zu machen, abzusterben und einer Gesellschaft föderativ verbundener Gleichberechtigter den Weg zur Vollendung des Sozialismus freizumachen. Ein Staat stirbt nicht ab, sondern festigt sich, indem er die Grundlagen, auf denen er ruht, ausbaut. Die Grundlagen des Staates sind die kapitalistischen Klassenverhältnisse, und es macht keinen Unterschied, ob die Klassengegensätze aus der Privatverfügung Weniger über die Erde und die Arbeitsmittel stammen oder durch die Uebertragung derselben Verfügung auf eine Auslese staatlicher Befehlshaber herbeigeführt werden. Mag es immerhin moralisch befriedigender sein, die Ausbeutungsrechte nicht in den Händen persönlicher Habgier zu wissen, – es kommt darauf an, daß alle Ausbeutung ausgetilgt, nicht darauf, daß sie entpersönlicht wird. Für den schaffenden Menschen ist es ohne Bedeutung, ob seine Leistung einer Aktiengesellschaft zugute kommt, die den Nutzen daraus in Form von Gewinnanteilen Leuten zuführt, welche mit der Arbeit selbst gar keine Berührung haben, häufig nicht einmal wissen, was in dem Werk, dessen Mitinhaber sie sind, überhaupt hergestellt wird, – oder ob der Staat seinen Arbeitsertrag einzieht. Die Wirkung ist für ihn ganz gleich: das Erzeugnis seiner Arbeit gehört nicht ihm, es ist seiner Verfügung entzogen, und sein Vorteil liegt überhaupt nicht darin, daß das Erzeugnis da ist, sondern nur darin, daß er für die Herstellung Lohn erhält. Am Lohnsystem ändert sich durch die Ueberführung des Privatkapitalismus in Staatskapitalismus nicht das geringste, das Lohnsystem aber ist das Kennzeichen der Ausbeutung."


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